Spielsucht



Wenn die Begeisterung für das Spielen zur Sucht wird, dann muss die Notbremse gezogen werden. Kriterien, Prävention, Zahlen, Fakten, Hilfe.

Roulettenburg, 1867. Aleksej Iwanowitsch verliert nicht sein Geld, sondern sich selbst im Roulettespiel und dadurch auch seine große Liebe Polina. Dies ist die kurze Zusammenfassung des Romans des großen Schriftstellers Fjodor Dostojewskis, der kurz nach seinem bekanntesten Meisterstück „Schuld und Sühne“ erschienen ist. Dostojewski hat mit der Geschichte „Der Spieler“ seiner eigenen Sucht ein Denkmal gesetzt und sein Werk gilt heute als eine der ersten und bekanntesten Beschreibungen der modernen Spielsucht.

Die Sucht nach Glücksspiel im Allgemeinen ist jedoch keine moderne Symptomatik. Schon in der Antike gab es Würfelspieler, die nie genug vom Glück bekommen konnten. Die Sucht nach dem Roulettespiel ist so alt wie das Spiel selbst.

Dostojewski: Weltliterat und Spielsüchtiger

DostojewskiGenau das beweist Dostojewski, der schon vor 150 Jahren die Spielbanken in Wiesbaden und Bad Homburg unsicher machte. 1872 wurde sogar im deutschen Kaiserreich wie zuvor in Frankreich das Glücksspiel verboten, weil man befürchtete, die Moral der Bevölkerung würde allzu sehr unter dem Traum vom schnellen Gewinn leiden.

Dostojewski selbst hat die klassischen Phasen einer Spielsucht durchlitten. Da ist zum einen der Anfangserfolg: Der Spieler wird von dem Gefühl plötzlich gewonnen zu haben überwältigt. Ein solches Erfolgserlebnis brennt sich in das Gedächtnis ein. Viele Spieler erinnern sich an den Moment, als sie zum ersten Mal einen – vielleicht sogar sehr hohen – Geldbetrag gewonnen haben. Man weiß nun: es ist möglich. Dostojewski gewann einen hohen Betrag bei seinem ersten Spielbankbesuch, brachte ihn in sein Hotel und wollte am nächsten Tag abreisen.

Bei dem russischen Schriftsteller stellte sich nun die zweite Phase ein: das Weiterspielen-Müssen. Er ist sich sicher, weiteres Geld gewinnen zu können und kann nicht abwarten, es wieder zu versuchen. Er entwickelt ein System, beschreibt Berechnungen und weiß, dass er gewinnen kann, wenn er nur besonnen sein System verfolgt.

Was er dabei nicht merkt: Er befindet sich in einem Rauschzustand und hat die Lage nicht mehr unter Kontrolle. Er beginnt sein Umfeld um Geld zu bitten, seine menschlichen Beziehungen jedoch gleichzeitig zu vernachlässigen. Er bettelt Gönner an, seinen Bruder, ja sogar seine eigene Geliebte. Er versetzt Wertgegenstände in Pfandhäusern, verheimlicht Spielverluste und kann trotz seiner negativen Erfahrungen nicht davon überzeugt werden, dass es besser wäre, mit dem Spielen aufzuhören.

Kontrollverlust und Beschaffungskriminalität

Der Kontrollverlust ist die Phase, in der die eigentliche Sucht beginnt. Dostojewski hat keine Macht mehr über seine Entscheidung in die Spielbank zu gehen – er muss gehen. Genauso wie Alkohol nicht mehr gelegentlich zum Vergnügen getrunken wird. Er muss getrunken werden, immer früher am Tag, heimlich. Bis es nicht mehr zu verheimlichen ist, doch dann ist es meistens schon zu spät. Man hat bereits sein soziales Umfeld verloren, vielleicht sogar seinen Job und im schlimmsten Fall hat man auch seiner Gesundheit ernsthaft Schaden zugefügt. Spielsucht kann in extremen Fällen zwar auch die Gesundheit beeinträchtigen – man denke an Spieler, die 10 Stunden oder länger ohne Unterlass ins Spiel vertieft sind – das größte Problem, das Spielsucht jedoch neben sozialem Rückzug bewirkt, ist der finanzielle Ruin.

Ähnlich wie bei einer Drogensucht wird die Beschaffung von Geld essentiell. Nachdem man sein Vermögen, die Rücklagen und die Ersparnisse verspielt hat, kommen Hypotheken, Kredite und Verkäufe von eigenen Wertgegenständen. Was dann folgt ist Beschaffungskriminalität, die letzte Station der Selbstzerstörung von Spielsüchtigen. Bei Gerichtsverfahren von Beschaffungskriminalität von Spielsüchtigen werden übrigens häufig keine mildernden Umstände, wie sie zum Beispiel bei Drogenabhängigkeit üblich sind, anerkannt.

Zum Glück kommt es bei den meisten Spielsüchtigen nicht zu dieser letzten Station. „Pathologisches Spielen“, so der Fachjargon, birgt jedoch eher die Gefahr unbehandelt zu bleiben. Spielsucht lässt sich prinzipiell besser verheimlichen als zum Beispiel Alkoholsucht. Betroffene haben keine Alkoholfahne und verstecken nirgendwo Schnapsflaschen. Solange nicht auffällt, dass hohe Beträge verspielt sind, bleibt die Sucht verborgen.

Dostojewski konnte seine Spielsucht niemandem mehr verheimlichen, obwohl es den Nahestehenden strengstens verboten war, anderen von der Sucht zu erzählen. Er stand kurz vor dem Schuldnergefängnis und seinen einzigen Ausweg sah er im Spielen, um die hohen Schulden zurückzahlen zu können. Er war vollends im Teufelskreis der Spielsucht angekommen: Spielen, um die Schulden zu bezahlen, die durch das Spielen entstanden sind. Sein Problem nennt heute man in der modernen Fachsprache „Chasing“  – der vergebliche Versuch, seine Verluste mit höheren Einsätzen auszugleichen.

Zwanghaft verlockend

GewinnEinige Eigenschaften des Glücksspiels kann man als suchtbegünstigend bezeichnen. Eine klassische Gefahr – zumindest bei Menschen, die zur Sucht neigen – ist der Anfangserfolg, der auch, wie bereits beschrieben, Dostojewski gefangen genommen hat. Plötzlich erscheint es möglich, hohe Summen „aus dem Nichts“ zu zaubern und sich dabei auch noch zu amüsieren.

Die Vorstellung, statt mit mühsamer Arbeit aus dem purem Vergnügen Geld zu verdienen, setzt sich bei manchen Spielern fest und wird zu einem „zwanghaften“ Traum.

Nach den ersten Erfolgen meinen viele Spieler ein System gefunden zu haben, das sie gewinnen lässt. Egal, um welches Spiel es sich dabei handelt, die Kompetenzillusion verspricht eine Garantie auf das Gewinnen. Sei es, weil man sich besonders gut im Sport auskennt und so mit Wetten Nutzen daraus schlagen möchte, sei es, dass man sein ganz eigenes Rechensystem für das Roulettespiel erfunden hat. Die Illusion, ein System für das Glücksspiel zu besitzen, kann krankhaft werden. Dieses Phänomen trägt den sympathischen Namen „Monte-Carlo-Effekt“. Der Spieler unterliegt dem Irrtum die Kontrolle über das Spiel zu besitzen.

Kurz vor dem nächsten Gewinn

Die schnelle Spielabfolge bei Roulette oder Automatenspielen ist verführerisch. In einem Casino kann man quasi im Sekundentakt seine Einsätze machen – und erhält das Ergebnis ebenfalls in Sekundenschnelle. Schnelles Spiel verleitet zu mehr Einsätzen, entweder weil man eine „Glückssträhne“ ausspielen möchte oder aber das Verlorene wieder gutmachen will. Es erscheint so manchem Spieler, dass er nur noch einmal das Doppelte setzen muss, um alle Verluste wieder einzuspielen. Der Gewinn kann nicht mehr lange auf sich warten lassen. Schließlich kam bereits fünfmal hintereinander Schwarz. Die Kugel muss nun einfach bei einer roten Zahl liegen bleiben. Man setzt alles, was man noch hat, und: die Kugel fällt bei Schwarz. Man hat nichts mehr, was man setzen könnte oder – und hier fängt das Problem an – man wechselt noch einmal Geld in Jetons ein. Denn es muss einfach Rot kommen.

Der nächste Gewinn kann immer kurz bevor stehen, das macht Glücksspiel so attraktiv. Auch der Traum eines großen Gewinnes verleitet zu immer höheren Einsätzen. Hat man einst mit 2 Euro-Jetons angefangen, wurden daraus schnell Fünfer und daraus Zehner. Wer viele Zehner verspielt setzt einen Hunderter, denn so wird alles Verlorene wieder gewonnen.

Da nicht mit echtem Geld gespielt wird, sondern mit Jetons oder virtuellem Guthaben im Internet, ist die Hemmschwelle, einen höheren Wert zu setzen, niedriger. Es würde mehr weh tun, reines Bargeld verlorengehen zu sehen.

Egal wie, Glücksspiel hat Ambiente. Auch wenn manche Spielbank den Glamour von einst nicht halten konnten, so bleibt doch eine angenehme Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt. Die Aufmachung der Internetseiten ist bunt und interessant, die Klänge der Automatenspiele erscheinen wie hypnotisierende Musik. Der Inbegriff der Verlockung sind ganze Städte, die auf dem Glücksspiel aufgebaut wurden, wie Las Vegas oder Atlantic City, oder eine ganze Halbinsel wie das chinesische Macao. Es sind Kulissen, um sich zu amüsieren. Aber eben nicht mehr und nicht weniger.

Zahlen und Fakten zur Spielsucht

Die Zahlen bei der Glücksspielsucht schwanken je nach dem wie die Grade der Sucht zusammengefasst werden. Der Anstieg der Fälle von Spielsucht hängen auch mit veränderten Untersuchungsmethoden der letzten Jahre zusammen. Insgesamt lässt sich jedoch mit Sicherheit sagen, dass die Anzahl der Spielsüchtigen nicht fällt, sondern eher steigt. Die Zahlen in Deutschland schwanken zwischen 100.000 und 300.000 pathologischer Glücksspieler.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (kurz BZgA) hat in ihrem Bericht, der alle zwei Jahre erscheint, durch die Befragung von über 11.000 Bürgern die Zahl der Betroffenen mit Spielproblemen auf circa 438.000 beziffert. Demnach weisen 1,2 % der Männer ein problematisches Spielverhalten auf und 1,3 % gelten als spielsüchtig. Nimmt man die Zahl der ehemaligen Spielsüchtigen hinzu, wie es eine Studie der Universität Lübeck getan hat, so kommt man auf eine Zahl von über einer halben Millionen Menschen. Deutschland ist hier übrigens kein Spitzenreiter. In anderen Ländern wie den USA, Spanien oder Schweden wird die Zahl der Spielsüchtigen auf bis zu 3 % geschätzt.

Suchtrepublik Deutschland

Quelle: Deutscher Lottoverband

Die Männer mit problematischem Spielverhalten findet man am häufigsten an Spielautomaten oder zuhause vorm Computer beim Online Casino und Sportwetten. Diese Zahl ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Hierbei verdrängt die digitale Welt nicht, wie in so vielen Bereichen, die reale Umwelt. Offline-Spielautomaten sind genauso beliebt wie Online-Poker.

Bei den Frauen liegen die Werte deutlich niedriger, so seien 0,3 % der Bundesbürgerinnen süchtig nach Glücksspiel. Ganze 4 % der Befragten „investieren“ zwischen 50 oder 100 € bzw. über 100 € ins Glücksspiel. Fast genauso viele Befragte nutzen Geldspielautomaten. In den Untersuchungen werden nicht nur der Besuch von Spielbanken, Automatenspiele und Sportwetten als Glücksspiel gewertet, sondern auch jede Art von Teilnahme an Lotterien. Auch Lotto und Toto können süchtig machen. Die Sehnsucht nach dem ganz großen Gewinn auf einen Schlag ist sogar verlockender als so manche Spielbank.

Auch wenn Spielsucht immer noch mehr als Laster belächelt als als Krankheit gesehen wird, seit 2001 ist sie von Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern der Drogenabhängigkeit gleichgestellt und somit ein Rehabilitationsbedarf anerkannt.

Obwohl die Spielsucht im Vergleich zu anderen Abhängigkeiten als „relativ harmlose“ Sucht gilt, hält sie einen traurigen Rekord: Die Zahl der Selbstmorde unter Süchtigen ist bei den pathologischen Spielern am höchsten.

Spielsucht Statistik

Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

 

Der „Spielertyp“

Wer neigt zur Spielsucht? Dostojewski war ein hochintelligenter und gefeierter Schriftsteller. Spielsucht hat nicht unbedingt mit finanzieller Mittellosigkeit oder Bildungsgrad zu tun.

Manche Menschen gehen zum ersten Mal in ein Casino, setzen auf eine Zahl und gewinnen tatsächlich. Und dann passiert: gar nichts. Genauso wie ein Jugendlicher seine erste Zigarette probiert und nie wieder zum Glimmstengel greift.

Eins steht fest: Männer sind häufiger, fast sogar ausschließlich vom pathologischen Spielen betroffen. Der Frauenanteil der pathologischen Spieler ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, Spielsucht gilt allerdings immer noch als ein klassisch männliches Problem. Wer eine hohe Risikobereitschaft oder einen starken Schicksalsglauben besitzt, kann eher Opfer der Spielsucht werden. Allerdings zieht sich Spielsucht durch viele Gesellschaftsschichten. Automatenspiel-Süchtige sind meistens jünger und haben ein geringeres Einkommen, bei Spielbankbesuchern sind es oft Ältere mit höherem Bildungsgrad.

Glücksspiel ist in unserer Gesellschaft nichts Verwerfliches. Fast jeder Bürger der Bundesrepublik hat sein Glück bereits im Lotto versucht. Pferdewetten auf der Rennbahn haben Tradition und auch der Besuch der Spielbank ist mit einer vergnüglichen Abendunterhaltung verbunden.

Allerdings sind junge Menschen bzw. junge Männer laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung am stärksten von Spielsucht betroffen. Gerade bei den 18 bis 20-jährigen ist das Risiko besonders hoch. Die Bundeszentrale nennt in ihrem Bericht zwei weitere Faktoren: Arbeitslosigkeit und Migrationshintergrund.

Egal, aus welchem sozialem Milieu ein pathologischer Spieler nun kommen mag, die Symptome sind meist sehr ähnlich. Es besteht eine Selbstwertproblematik, die nach außen meist nicht sichtbar ist. Im Gegenteil, viele Spielsüchtige verfügen über eine selbstbewusste Fassade, die sogar zu einer gewissen Aggressivität tendieren kann. Getrieben werden sie von Gewinn- und Machtfantasien, die in der Realität allerdings soziale Entfremdung und Vereinsamung bedeuten. Wirklich spielsüchtig werden viele erst durch ein schwerwiegendes negatives Ereignis, also wenn man besonders unter Druck steht oder eine Krise durchlebt.

Wie unser Gehirn die Sucht begünstigt

SuchtNeurologisch gesehen funktioniert Spielsucht genauso wie jede andere Abhängigkeit. Das Belohnungssystem unseres Gehirn spielt hier gegen uns. Glückshormone werden bei Erregung und Freude ausgeschüttet, das Gehirn sendet die Nachricht, dass es mehr möchte. Unser Belohnungssystem merkt sich vermehrte Hormonausschüttung, hauptsächlich des Glückshormons Dopamin, und irgendwann reagiert die Ausschüttung nur noch bei einer bestimmten Handlung – hier beim Spielen. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt reicht die gelegentliche Ausschüttung nicht mehr, auch der eigentliche Ausschüttungsgrund, nämlich zum Beispiel die anfängliche Freude über einen Gewinn, lässt das Hormonlevel nicht mehr genügend steigen – man beginnt zu jeder Tag- und Nachtzeit sein Suchtmittel zu brauchen. Der freie Wille untersteht letztendlich den Vorgängen des Gehirns, Sucht ist ein automatisiertes Verhalten. Oftmals muss der Leidensdruck erst übermäßig stark werden, bis Menschen die Kraft finden, sich ihrer Sucht zu stellen.

Ein Geheimnis aber bleibt wohl, warum manche Menschen von bestimmten Suchtmitteln abhängig werden und andere nicht. Eine genetische Disposition, das gesellschaftliche Umfeld, das Elternhaus und die persönliche Situationen sind Faktoren, die eine Rolle spielen können.

Genauso individuell scheint es zu sein, wonach man süchtig wird. Zwar heißt es, dass Spielsüchtige auch häufig mit Alkoholproblemen zu kämpfen haben bzw. auf diese Droge „umsteigen“, doch eine Blaupause gibt es für keine Art der Abhängigkeit. „Komorbidität“ nennen Fachleute den Fall, wenn man, salopp gesagt, mehr als „ein Problem“ hat. So haben laut den Behandlungszahlen Glücksspielsüchtige im Schnitt zum Beispiel mehr Angststörungen oder zusätzliche stoffgebundene Suchttendenzen als der Normalbürger.

Bin ich spielsüchtig?

Jeder alteingesessene Fan des Glücksspiels hat sich bestimmt schon einmal im Leben gefragt, ob er spielsüchtig sei. Die harten Fälle von Spielsucht sind erschreckend. Männer und Frauen, die ihre Familien im Stich lassen, Freunde betrügen oder sogar kriminelle Handlungen begehen. Diese Fälle sind klar als Spielsucht einzustufen. Aber ist man spielsüchtig, wenn man zum Beispiel im Monat 100 Euro verspielt?

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Diagnostikmethoden und Fragebögen, die bei einer Feststellung von pathologischem Spielen helfen sollen. Auf der Internetseite der Anonymen Spieler kann man zum Beispiel einen Fragebogen mit 20 Fragen vorfinden. Wer mehr als sieben mit „Ja“ beantwortet, sollte sich ernsthaft Gedanken machen. Einige Fragebögen fokussieren sich auf die vier Suchtsymptome.

Spielsucht 1. Ich kann erst aufhören, wenn ich kein Geld mehr habe (Nicht Aufhören Können).

2. Verluste muss ich wieder wettmachen (Chasing).

3. Ich denke oft ans Spielen und verspüre einen inneren Drang (Craving).

4. Zur Geldbeschaffung habe ich bereits gelogen oder betrogen (Konsequenzen).

Quelle: Band 6 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen „Pathologisches Glücksspiel“

Wer diese Fragen mit „Ja“ beantwortet, der weiß meist schon insgeheim, dass er ein Spielproblem hat. Es gibt zahlreiche weitere Selbsttests, die besorgte Spieler durchführen können. So zum Beispiel auf der Glückspielsucht-Seite des BZgA (www.spielen-mit-verantwortung.de). Einen ausführlicheren Test, sogar einen ganzen Selbsthilfe-Ratgeber, gibt es auf der Seite von der Charité Berlin als PDF-Datei (http://ag-spielsucht.charite.de/gluecksspiel/selbsthilfemanual/) zum Herunterladen. Hier kann man nicht nur sein eigenes Spielverhalten testen, sondern bekommt auch Tipps zu Geldmanagement und Verhaltensweisen, um Probleme in den Griff zu bekommen. Es ist sicherlich nicht falsch, sich Gedanken über sein Spielverhalten zu machen, bevor man verschuldet bei der Beratungsstelle sitzt. Um es gar nicht soweit kommen zu lassen, können diese zwei einfachen Kontrollmechanismen helfen:

  • Welches Budget habe ich im Monat zum Spielen und halte ich das Limit ein?

Als eigenverantwortlicher Mensch weiß man, welches Budget einem für Freizeitvergnügen zur Verfügung steht. Bestehende Hobbys und Sporttreiben sollten nicht aufgegeben werden. Gesellige Abende mit Freunden und die dazu benötigten Ausgaben dürfen nicht unterschlagen werden. Am Ende kommt zum Beispiel ein Betrag von 50 € heraus. Dieser Betrag kann gesetzt und verspielt werden. Falls der Betrag jedoch aufgebraucht ist, darf man den Rest des Monats nicht weiter zocken. Ausreden wie „Ich spiele diesen Monat mehr und dafür nächsten Monat nicht“ dürfen nicht gelten.

  • Stellenwert des Spiels und Beeinträchtigung des Lebensablaufs

Zeit, die man am Automaten, in der Spielbank oder beim Online-Poker verbringt im Kalender eintragen. Am Ende des Monats erkennt man, wie viel Zeit man wirklich mit Spielen verbracht hat. Hat man Freunde oder Familie versetzt oder die Stunde im Fitnessstudio ausfallen lassen? Sobald alltägliche Dinge, seien sie beruflich oder privat, für Glücksspiel geändert werden, sollte man sich fragen, warum.

Glücksspieler wissen, dass es beim Spiel nicht um den Gewinn geht, sondern um die Spannung und das Vergnügen. Die Freude über einen gewonnen Betrag lässt sich vergleichen mit einem glücklichen Zwischenfall, der gute Laune macht. Verluste nimmt man sportlich hin und man hat sie bereits einkalkuliert. Das Festsetzen des eigenen Budgets für einen Spielabend ist äußerst wichtig. Noch wichtiger ist es dann, das Budget situationsunabhängig einzuhalten. Hat man sein Budget verloren, so heißt es, dem Gedanken zu widerstehen, noch einmal zu setzen, weil man weiß, dass man jetzt gewinnen würde. Das Geld, das für das Spielen gedacht ist, sollte man am besten als „Investition“ in einen schönen Abend oder eine unterhaltsame Zeit sehen. Genauso wie das Budget für einen Kinoabend oder ein Discobesuch. Es darf nicht als „Kapital“ gesehen werden, das verdoppelt und verdreifacht werden muss, um persönliche oder finanzielle Probleme zu lösen.

Suchtbekämpfung

Je früher man sich eine Sucht eingesteht, desto besser. Umso wirkungsvoller die Therapie und umso größer die Chance, seine Sucht dauerhaft aufgeben zu können. Die Wissenschaft beschäftigt sich seit 1980 mit der Glücksspielsucht als psychische Krankheit. Für die heutige Psychologie ist Glücksspielsucht eine Verhaltenssucht. Zu den Verhaltenssüchten zählen zum Beispiel auch Arbeits-, Ess-, Kauf- oder Computersucht. Dieser Ansatz ist jedoch nicht unumstritten und viele Wissenschaftler neigen eher dazu, die Spielsucht auf die Ebene von stoffgebundener Abhängigkeit zu stellen.

SuchtbekämpfungIn Suchtberatungsstellen und Suchtambulanzen hat sich die Zahl der pathologischen Spieler seit 1997 verdreifacht (2010 waren es über 15.000). In Kliniken wurden im gleichen Jahr (2010) fast 2000 Fälle stationär behandelt. Egal, ob Beratungsstellen, Psychotherapien oder stationäre Behandlungszentren, überall ist ein erheblicher Anstieg von Suchtpatienten zu verzeichnen. Man muss allerdings auch beachten, dass sich das Angebot von Beratung, Aufklärung und therapeutischer Hilfe deutlich verbessert hat. Trotzdem ist es immer noch die Norm, dass der Großteil der Spielsüchtigen in ihrem Leben kein Hilfegesuch starten. Erschreckend ist auch, dass die Zahl der minderjährigen Suchtkranken im Verhältnis recht hoch ist und das, obwohl der Jugendschutz das Glücksspiel bei Minderjährigen effektiv bekämpfen soll. Doch die Zahlen sprechen für sich: Nicht nur das Internet ermöglicht Minderjährigen den Zugang zu Glücksspiel, sondern ganz besonders beliebt sind bei 14- bis 17-jährigen das Automatenspiel und Lotterieangebote.

Aufklärung und Prävention

Bisherige Präventionsmaßnahmen gingen in der Regel einher mit zahlreichen Aufklärungskampagnen, die meist von den Bundesländern organisiert wurden. Aber auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wartet mit Informationsmaterial und Beratungsstellen auf. Es gibt verschiedene telefonische Hotlines und Chats, die man rund um die Uhr erreichen kann, natürlich anonym und kostenlos. Mittlerweile gibt es sogar telefonische Beratung in verschiedenen Sprachen wie zum Beispiel Türkisch. Wer sich informieren will, der hat heute fast ein Überangebot an Beratungsstellen und Internetseiten. In Deutschland gibt es allein 300 auf Glücksspielsucht spezialisierte Beratungsstellen. Es werden Selbsthilfe- und Angehörigengruppen organisiert, Therapiemöglichkeiten erörtert und vermittelt, sowie eine Schuldner- und Rechtsberatung durchgeführt.

Grundsätzlich ist das gesamte Glücksspielmonopol der Bundesrepublik Deutschland durch den Spielerschutz begründet. Der Staat regelt hier die Standorte, Werbe- und Spielmöglichkeiten. Seit 2012 zum Beispiel gelten neue Abstandsregeln von Spielbetrieben zu Aufenthaltsorten von Kindern und Jugendlichen. Ein neues Kartensystem, ähnlich wie die Kontrolle der Zigarettenautomaten, soll auch für Automatenspiele kommen. Prävention heißt also auf staatlicher Ebene hauptsächlich Begrenzung. Um so merkwürdiger erscheint es, dass der Staat keine befriedigende Lösung für den boomenden Markt der Online Casinos gefunden hat. Nur schriftlich festzuhalten, dass Online-Glücksspiel eigentlich verboten ist, reicht schon lange nicht mehr aus. Stattdessen wären Konzepte für legales Spielen mit einem zufriedenstellenden Jugendschutzmechanismus die nächste große Aufgabe der Glücksspielbeauftragten in den Bundesländern. Genauso wichtig ist die Schulung von Personal und die strikte Durchführung von Ausweiskontrollen in den Spielbetrieben.

Spielersperre

SpielersperreIm schlimmsten Fall gibt es die Möglichkeit, sich für das Glücksspiel sperren zu lassen. Man hat erkannt, dass man ein ernsthaftes Problem hat und sich seine eigene Sucht eingestanden. Um zu vermeiden, sich wieder hinreißen zu lassen, gibt es Formulare, die man bei seiner Spielbank einreichen kann. Es besteht eine bundesweite Sperrdatenbank, in der Spieler verzeichnet werden, die sich selbst gesperrt haben oder durch Dritte, meist dem Personal eines Spielbetriebs oder Angehörigen, gesperrt wurden. Bevor dem Antrag auf Sperrung durch Dritte zugestimmt wird, wird der Spielende über den vorliegenden Antrag informiert und mit ihm Rücksprache gehalten.

Wenn man kein Interesse an Online-Spielen hat, ist dies eine gute Möglichkeit, die sogenannte Abstinenzmethode durchzuführen. Abstinenz heißt wie beim Alkohol oder Rauchen die abrupte Beendigung der Konsumierung seiner Suchtmittel. Es ist möglich sich wieder entsperren zu lassen, dies ist jedoch wesentlich komplizierter als der Sperrvorgang. Die Entsperrung ist frühestens nach einem Jahr möglich. Im Jahr 2010 gab es knapp 1800 Selbstsperrungen in Deutschland, wesentlich weniger als zum Beispiel in der Schweiz.

Auch einzelne Online Casino-Betreiber bieten Sperrdienste für Spielsüchtige an. Es gibt jedoch keine allgemeine Sperrdatenbank, die Sperre gilt nur auf der jeweiligen Seite und kann meist recht einfach wieder aufgehoben werden.

Neben einer Spielersperre ist die einzige Garantie zur Abstinenz das Umstrukturieren seines Geldmanagements. Die Sperrung der Kreditkarten oder der EC-Karten ist empfehlenswert, gerade wenn man verhindern will, dass man online Geld in Spiele investiert. Es ist ratsam zu lernen mit kleinen Bargeldbeträgen im Alltag auszukommen. Auf dem Konto kann man, wenn man möchte, ein Abhebelimit setzen. Auch wenn es das eigene Selbstwertgefühl nicht gerade beflügelt, eine Alternative kann jedoch die Geldverwaltung durch Dritte sein. Selbst ein Taschengeld kann bei pathologischem Spielen an Automatenspiel zwar versetzt werden, doch man vermeidet immerhin, dass große Geldbeträge verschwinden.

WaagschaleDas richtige Maß zählt

Letztendlich ist die Sucht ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren, wie dem Individuellen Charakter, dem sozialen Hintergrund und der Erziehung, der gesellschaftlichen Stellung und der allgemeinen Zufriedenheit. Eine Sucht ist immer eine Flucht aus der gegenwärtigen Situation. Dabei erscheint das Suchtmittel als Ausweg, was es aber nie ist.

Alkohol zu trinken ist eine gesellige Angelegenheit – in Maßen. Das Zauberwort der Sucht ist das Maß. Innerhalb seiner Möglichkeiten zu spielen ist eine Freizeitbeschäftigung, Amüsement und Zeitvertreib. Glücksspiel ist ein Spiel, und ein Gewinn kein Verdienst. Sobald sich aus einem Vergnügen ein Zwang entwickelt, ist es kein Vergnügen mehr, die Sucht hat begonnen.

Dostojewski hatte übrigens Glück im Unglück – er lernte seine zweite Frau Anna kennen. Sie konnte ihn zwar nicht aus der Sucht befreien, jahrelang hatte er immer wieder Rückfälle und reiste in die Städte der Spielbanken. Doch sie übernahm die Organisation der Finanzen und blieb an seiner Seite, egal, ob er wieder alles verspielt hatte. Aber so viel Glück haben leider die Wenigsten.

Quellen

 

Zahlen und Fakten

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

„Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland 2013“:

http://www.vdai.de/spielverhalten/BZgA-2014.pdf

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

Suchtmedizinische Reihe, Band 6 „Pathologisches Glücksspiel“:

http://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/Suchtmed_Reihe_6_PathGluecksspielen.pdf

https://gluecksspiel.uni-hohenheim.de/sucht#jfmulticontent_c227878-1

http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/bzga-bericht-zur-spielsucht-junge-maenner-am-staerksten-gefaehrdet-a-954241.html

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/spielsucht-glueckspiel-betaeubt-und-erzeugt-gluecksgefuehle-a-993321.html

http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/gluecksspiele-machen-suechtig-vor-allem-geldspielautomaten-a-814173.html

Dostojewskis Spielsucht:

http://www.gluecksspielsucht.de/materialien/dostojewskis_gluecksspielsucht.pdf

 

Informationen und Hilfe

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

Fachverband für Glücksspielsucht:

http://www.gluecksspielsucht.de/index.php?article_id=49

Anonyme Spieler:

Beratungsseite Glücksspielsucht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

http://www.spielen-mit-verantwortung.de/news.html

Selbsthilfe-Ratgeber der Charité:

http://ag-spielsucht.charite.de/gluecksspiel/selbsthilfemanual/

Beratungsstellen der Länder:

http://www.landesfachstelle-gluecksspielsucht-nrw.de/faq.php (NRW)